
|
Die Sabon-Antiqua ist die bekannteste Schrift des deutschen Schriftentwerfers Jan Tschichold (*1902 in Leipzig, 1974 in Locarno). Er schuf sie 1964 für die Schriftengießereien Stempel, Linotype und Monotype in zwei Versionen für Bleisatz und Stempelhandsatz. Auf letzterer Ausführung basiert die aktuelle digitale Überarbeitung »SabonNext« von Linotype (siehe Seitenende).
Der Schriftenname leitet sich von Jacques Sabon (*um 1535 in Lyon, 1580 Frankfurt am Main) her, der als Typograph und Schüler Claude Garamonds die klassischen Renaissance-Typen französischer Druckereikunst in Deutschland einführte.
|

Schriftentwurf der Sabon-Antiqua von Jan Tschichold, 1965
(Foto: Ronald Schmets, D. Stempel AG, Frankfurt am Main)
|
Anfang der 1960er Jahre verlangten die deutschen Drucker nach einer vielfältig einsetzbaren Schrift, die ohne Anpassungen auf Linotype- und Monotype-Setzmaschinen laufen, aber gleichzeitig auch für den Satz von Hand geeignet sein sollte. Walter Cunz von der Stempelschen Gießerei beauftragte den Schriftkünstler Jan Tschichold mit der Schaffung einer Antiqua, die sich nah an die bewährten Schnitte Claude Garamonds anlehnt und den Wünschen des modernen Buchdrucks entsprach.
|

Die digitale Sabon-Antiqua aus der Adobe-Bibliothek

Die neue digitale SabonNext aus der Linotype-Bibliothek
Tschichold kopierte nicht nur die Garamond, die ihm als Druckmuster der Konrad-Berner-Gießerei (eines Nachfahren von Jacques Sabon) aus dem Jahre 1592 vorlag, er verbesserte auch die charakteristischen Unschönheiten (etwa das kleine »f«, dessen Unterlänge in normalen Garamonds meist mit dem »g« kollidiert und dessen Oberlänge klecksbildend in i-Tüpfelchen und Umlautpunkte hineinragt).
Für den Kursivschnitt wählte er keine originale Garamond, sondern eine Type des Garamond-Zeitgenossen Robert Granjon als Vorlage, die er ebenfalls im Musterdruck von Konrad Berner wiederfand. Das ist eine Praxis, die von den meisten Garamond-Gestaltern angewandt wird.
|
 |
* 02. April 1902 in Leipzig, Deutschland
11. August 1974 in Locarno, Schweiz
Typograph, Kalligraph, Buchautor, Lehrer
Entwerfer der Sabon-Antiqua
|
|
|
Mit Sabon erhielt die Schrift den Namen des Mannes, der nach dem Tode Claude Garamonds viele Druckutensilien aus dessen Nachlaß aufkaufte, mit dem Werkzeug nach Frankfurt am Main zog, und so die elegante französische Renaissance-Antiqua in die deutsche Druckerzunft einführte.
|
Die Sabon in Lao-Tses »Tao-Te-King« (Spruch 33) vom Insel-Verlag
Die Sabon ist eine gute Wahl, um klassisch-elegante Drucke zu schaffen. Im Buchdruck wird sie dank lesefreundlicher Buchstaben weiterhin gern eingesetzt; die Beck'schen Reihe München ist nur ein Beispiel. Die Sabon wurde für den Fotosatz adaptiert und ist mittlerweile zu relativ günstigen Preisen auch für den heimischen Computer zu haben, wobei man über die fehlenden typographischen Feinheiten und ihre Drahtigkeit und Blässe im Werksatz (911pt Schriftgröße) hinwegsehen sollte.
Die bekannten »Profischriften« der meisten Schriftbibliotheken haben leider zahlreiche Mängel, die sie für den Druckeinsatz außerhalb der angelsächsischen Länder eigentlich ausschließen. Dies betrifft auch die Adobe-Schriftensammlung. Bestimmte Buchstaben-Kombinationen wie Av, Te oder Vo benötigen eine besondere Behandlung bei der Herstellung, nämlich das manuelle Anpassen der Zeichenweite. Die wird in Unterschneidungs-Tabellen (auch bekannt als »Kerning«) der Schrift beigelegt. Erfolgt das nicht, haben diese problematischen Zeichenfolgen zu große Weißräume, sie erscheinen »löchrig«. Das sieht unschön aus und hemmt den Lesefluß.

Adobe-Schriften haben diese Anpassung fürs englische Standardalphabet leider aber nicht für »ausländische« Buchstabenkombinationen, wie den deutschen Umlauten. »Vogel« sieht gut aus, »Vögel« schon nicht mehr. Für viel Geld kauft man Halbfertiges, das man mit teurer Typographie-Software wie FontLab oder Fontographer händisch nachbearbeiten muß. (Oder man benutzt als Krücke Adobes Satzprogramm InDesign mit optischem Kerning.) Mehr noch. Die allermeisten Schriften auch die Sabon lassen wichtige Ligaturen vermissen. Weder gibt es ein ff noch ein ft, wie die Bleisatzschrift sie hatte (siehe Foto am Seitenbeginn). Ein individuelles Euro-Zeichen für die Schrift? Nur in der neuen OpenType-Version. Als Standardziffern dienen die für den Buchdruck unüblichen Tabellenziffern, auch hier muß man mittels eines typographischen Werkzeugs die Minuskelziffern aus dem damit ausgestatteten Kapitälchen-Font transplantieren.
Trotz all dieser Mängel kann aber gerade die Sabon empfohlen werden. Durch ihre robuste Anpassung an den ehemaligen Maschinendruck und ihre dadurch abgekürzten Ober- und Unterlängen in Problemfällen wird sie immer gut aussehen. Das beweisen sehr schöne Klassiker-Ausgaben von E.T.A. Hoffmann und Ludwig Börne aus dem Aufbau-Verlag Berlin und Weimar der 1980er Jahre. Mit der neuen »Linotype Sabon Next« hat man seit kurzem auch wieder eine Sabon mit Bleisatzflair; die Blässe der bisherigen Digital-Inkarnationen im Werksatz ist verschwunden.
|

Die digitale Sabon-Antiqua aus der Adobe-Bibliothek

Die neue digitale SabonNext aus der Linotype-Bibliothek
Schon an den Schriftproben in diesem Dokument kann man gut erkennen, daß SabonNext mit der alten Sabon fast nichts mehr gemeinsam hat. Beide Schriften haben ihr eigenes Flair. Sabon mit ihrer auch in der Kursiven gleichbleibenden Zeichenweite und ihrer holzschnittartigen Anmutung, die an die unvergleichliche Stempel-Garamond erinnert. SabonNext mit ihrer poetischen Eleganz, direkt geeignet für einen schönen Gedichtband.
Ideal für den Werksatz sind die Regular-Typenschnitte der SabonNext, die man sich bei Adobes Sabon nur mit einem Schriftbearbeitungs-Programm verdicken und benutzbar machen kann. Die verschiedenen Fetten begeistern ebenso, wie auch der Ornament-Font und die unzähligen alternativen Lettern und Ligaturen. Obwohl die SabonNext von einem Europäer, Jean-François Porchez, überarbeitet und ausgebaut wurde, fehlen auch hier wieder die Unterschneidungen für Umlaute. Fehlerhaft!
Die normale Sabon begeistert trotz ihrer jüngeren Schwester weiterhin mit ihren eckigen Formen und den abgeschnittenen Unterlängen, die ihr großen Charakter und Unverkennbarkeit verleihen.
|
Die Sabon in der Adobe-Bibliothek:
Sabon normal, kursiv, fett und fettkursiv (ohne Eurozeichen):
http://www.adobe.com/type/browser/P/P_088.jhtml
Sabon mit Kapitälchen und Mediävalziffern (ohne Eurozeichen):
http://www.adobe.com/type/browser/P/P_197.jhtml
Sabon als OpenType-Schrift (mit Eurozeichen):
http://www.adobe.com/type/browser/P/P_1392.jhtml
Die Sabon in der Bitstream-Bibliothek:
Sabon normal, kursiv, fett und fettkursiv (mit Eurozeichen):
http://www.myfonts.com/fonts/bitstream/classical-garamond/
(Bei Bitstream heißt die Schrift »Classical Garamond« und nicht »Sabon«, denn man kopierte zwar die Letterformen der Sabon, darf aber aus lizenzrechtlichen Gründen nicht den Namen verwenden. Diese Schrift liegt oft den reichhaltigen Schriftensammlungen von »Corel Draw« bei für viele der einzige Grund dieses preiswerte Graphikprogramm überhaupt zu kaufen. Bitstream klonte viele klassische Schriften, die unter Kunstnamen preiswert verfügbar sind: »Albertus« als »Flareserif 821«, »Bembo« als »Aldine 401«, »Frutiger« als »Humanist 777«, »Gill Sans« als »Humanist 521«, »Helvetica« als »Swiss 721«, »Melior« (bei URW heißt sie »Latino«) als »Zapf Elliptical 711«, »Optima« als »Zapf Humanist 601«, »Palatino« als »Zapf Calligraphic 801«, »Stempel Garamond« als »Original Garamond«, »Trump Mediaeval« als »Kuenstler 480«, »Univers« als »Zurich« u.v.a.m.)
Die Sabon in der SoftMaker-Bibliothek:
Sabon normal, kursiv, fett, Kapitälchen, fette Kapitälchen (mit Eurozeichen):
http://www.megafont.de/ und http://www.softmaker.de/
(Bei SoftMaker heißt die Schrift »Savoy« und nicht »Sabon«, denn sie dürfen aus lizenzrechtlichen Gründen den Originalnamen nicht verwenden. Die »Megafont«-CD mit 5.000 Schriften ist sehr günstig. Zahllose Profischriften sind hier unter falschem Namen verfügbar: »Frutiger« als »Front Page«, »Futura« als »Function«, »Gill Sans« als »Gibson«, »Helvetica« als »Hegel«, »Optima« als »Flare O800«, »Palatino« als »Palazzo«, »Syntax« als »Saxony«, »Univers« als »Ultimate« u.v.a.m.)
NEU: Linotype Sabon Next
Seit Mitte Oktober 2002 gibt es eine von Linotype überarbeitete digitale Sabon namens Sabon Next. Damit werden die meisten Mängel der alten Sabon (und ihrer Klone) behoben, vor allem die zu blasse Ausführung im Digitalsatz, die sie für Werksatz am Rechner eigentlich unmöglich machte. Der von seiner Ambroise-Schrift oder der Le Monde her bekannte Pariser Schriftkünstler Jean-François Porchez überarbeitete die einzelnen Proportionen, ohne dabei die bereits vorhandene digitale Version der Sabon gänzlich aus den Augen zu verlieren. Die 47 neuen Schnitte der Schriftfamilie enthalten 6 Gewichtungen darunter Ultrafett- (Black), Kapitälchen- (Small Caps) und Minuskelziffer-Versionen (Old Style Figures) sowie einen Ornament-Zeichensatz. Alle Fonts sind mit passenden Euro-Symbolen ausgestattet. Die Sabon Next kostet 1.155, Euro.
|
[ www.sabon.org 10. juni 2004 rotis ]
[ Zurück zur Startseite ]
|
|