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Der Schmetterling Mir war ein Weh geschehen, Und da ich durch die Felder ging, Da sah ich einen Schmetterling, Der war so weiß und dunkelrot, Im blauen Winde wehen. O du! In Kinderzeiten, Da noch die Welt so morgenklar Und noch so nah der Himmel war, Da sah ich dich zum letztenmal Die schönen Flügel breiten. Du farbig weiches Wehen, Das mir vom Paradiese kam, Wie fremd muß ich und voller Scham Vor deinem tiefen Gottesglanz Mit spröden Augen stehen! Feldeinwärts ward getrieben Der weiß’ und rote Schmetterling, Und da ich träumend weiterging, War mir vom Paradiese her Ein stiller Glanz geblieben. Bücher Alle Bücher dieser Welt Bringen dir kein Glück, Doch sie weisen dich geheim In dich selbst zurück. Dort ist alles, was du brauchst, Sonne, Stern und Mond, Denn das Licht, danach du frugst, In dir selber wohnt. Weisheit, die du lang gesucht In den Bücherein, Leuchtet jetzt aus jedem Blatt — Denn nun ist sie dein. Verführer Gewartet habe ich vor vielen Türen, In manches Mädchenohr mein Lied gesungen, Viel schöne Frauen sucht ich zu verführen, Bei der und jener ist es mir gelungen. Und immer, wenn ein Mund sich mir ergab, Und immer, wenn die Gier Erfüllung fand, Sank eine selige Phantasie ins Grab, Hielt ich nur Fleisch in der enttäuschten Hand. Der Kuß, um den ich innigst mich bemühte, Die Nacht, um die ich lang voll Glut geworben, Ward endlich mein — und war gebrochene Blüte, Der Duft war hin, das Beste war verdorben. Von manchem Lager stand ich auf voll Leid, Und jede Sättigung ward Überdruß; Ich sehnte glühend fort mich vom Genuß Nach Traum, nach Sehnsucht und nach Einsamkeit. O Fluch, daß kein Besitz mich kann beglücken, Daß jede Wirklichkeit den Traum vernichtet, Den ich von ihr im Werben mir gedichtet Und der so selig klang, so voll Entzücken! Nach neuen Blumen zögernd greift die Hand, Zu neuer Werbung stimm ich mein Gedicht ... Wehr dich, du schöne Frau, straff dein Gewand! Entzücke, quäle — doch erhör mich nicht! Das Glasperlenspiel Musik des Weltalls und Musik der Meister Sind wir bereit in Ehrfurcht anzuhören, Zu reiner Feier die verehrten Geister Begnadeter Zeiten zu beschwören. Wir lassen vom Geheimnis uns erheben Der magischen Formelschrift, in deren Bann Das Uferlose, Stürmende, das Leben Zu klaren Gleichnissen gerann. Sternbildern gleich ertönen sie kristallen, In ihrem Dienst ward unserm Leben Sinn, Und keiner kann aus ihren Kreisen fallen Als nach der heiligen Mitte hin. Der Geliebten Wieder fällt ein Blatt von meinem Baum, Wieder welkt von meinen Blumen eine, Wunderlich in ungewissem Scheine Grüßt mich meines Lebens wirrer Traum. Dunkel blickt die Leere rings mich an, Aber in der Wölbung Mitte lacht Ein Gestirn voll Trost durch alle Nacht, Nah und näher zieht es seine Bahn. Guter Stern, der meine Nacht versüßt, Den mein Schicksal nah und näher zieht, Fühlst du, wie mein Herz mit stummem Lied Dir entgegenharrt und dich begrüßt? Sieh, noch ist voll Einsamkeit mein Blick, Langsam nur darf ich zu dir erwachen, Darf ich wieder weinen, wieder lachen Und vertrauen dir und dem Geschick. Blauer Schmetterling Flügelt ein kleiner blauer Falter vom Wind geweht, Ein perlmutterner Schauer, Glitzert, flimmert, vergeht. So mit Augenblicksblinken, So im Vorüberwehn Sah ich das Glück mir winken, Glitzern, flimmern, vergehn. O so in später Nacht ... O so in später Nacht nach Hause gehn, Verliebt, verschmäht, von keinem Kuß beglückt, Und in die bleichen Himmelsfelder sehn, Wo der Orion traurig erdwärts rückt! Und dann daheim, von Licht und Bett empfangen, Sich niederlegen einsam und betrogen, Von schweren Wünschen hin und her gezogen, Umsonst nach Schlaf, nach Traum, nach Trost verlangen, Voll Trauer über ein verschwendet Leben In Schächten der Erinnerungen schürfen Und wissen, daß nur Ein Trost uns gegeben: Dem Lebenmüssen folgt das Sterbendürfen! Gebet Laß mich verzweifeln, Gott, an mir, Doch nicht an dir! Laß mich des Irrens ganzen Jammer schmecken, Laß alles Leides Flammen an mir lecken, Laß mich erleiden alle Schmach, Hilf nicht mich erhalten, Hilf nicht mich entfalten! Doch wenn mir alles Ich zerbrach, Dann zeige mir, Daß du es warst, Daß du die Flammen und das Leid gebarst, Denn gern will ich verderben, Will gerne sterben, Doch sterben kann ich nur in dir. Bekenntnis Holder Schein, an deine Spiele Sieh mich willig hingegeben; Andre haben Zwecke, Ziele, Mir genügt es schon, zu leben. Gleichnis will mir alles scheinen, Was mir je die Sinne rührte, Des Unendlichen und Einen, Das ich stets lebendig spürte. Solche Bilderschrift zu lesen, Wird mir stets das Leben lohnen, Denn das Ewige, das Wesen, Weiß ich in mir selber wohnen. Reine Lust Ich weiß auf Erden keine reinere Lust Als still zu ruhen an der Erde Brust, Auf heißer Mauer an bestaubten Wegen, Wenn über mir das tiefe Blau sich dehnt Und einem ungekannten Glück entgegen Mein Wunsch sich leise und mit Lächeln sehnt. Ich weiß nur Eine, die mich gleich erfaßt: Auf einem schmalen Ruderbrett mich wiegen, Wenn ringsum leuchtend in der Mittagsglast Die Weiten eines blauen Meeres liegen Und fern ein Schiff das weiße Segel regt, Das meine müde Sehnsucht heimwärts trägt. Weg nach Innen Wer den Weg nach innen fand, Wer in glühndem Sichversenken Je der Weisheit Kern geahnt, Daß sein Sinn sich Gott und Welt Nur als Bild und Gleichnis wähle: Ihm wird jedes Tun und Denken Zwiegespräch mit seiner eignen Seele, Welche Welt und Gott enthält. Bhagavad Gita Wieder lag ich schlaflos Stund um Stund, Unbegriffenen Leids die Seele voll und wund. Brand und Tod sah ich auf Erden lodern, Tausende unschuldig leiden, sterben, modern. Und ich schwor dem Kriege ab im Herzen Als dem blinden Gott sinnloser Schmerzen. Sieh, da klang mir in der Stunde trüber Einsamkeit Erinnerung herüber, Und es sprach zu mir den Friedensspruch Ein uraltes indisches Götterbuch: »Krieg und Friede, beide gelten gleich, Denn kein Tod berührt des Geistes Reich. Ob des Friedens Schale steigt, ob fällt, Ungemindert bleibt das Weh der Welt. Darum kämpfe du und lieg nicht stille; Daß du Kräfte regst, ist Gottes Wille! Doch ob dein Kampf zu tausend Siegen führt, Das Herz der Welt schlägt weiter unberührt.« Nacht Ich habe meine Kerze ausgelöscht; Zum offenen Fenster strömt die Nacht herein, Umarmt mich sanft und läßt mich ihren Freund Und ihren Bruder sein. Wir beide sind am selben Heimweh krank; Wir senden ahnungsvolle Träume aus Und reden flüsternd von der alten Zeit In unsres Vaters Haus. An den indischen Dichter Bhartrihari Wie du, Vorfahr und Bruder, geh auch ich Im Zickzack zwischen Trieb und Geist durchs Leben, Heut Weiser, morgen Narr, heut inniglich Dem Gotte, morgen heiß dem Fleisch ergeben. Mit beiden Büßergeißeln schlag ich mir Die Lenden blutig: Wollust und Kasteiung; Bald Mönch, bald Wüstling, Denker bald, bald Tier; Des Daseins Schuld in mir schreit nach Verzeihung. Auf beiden Wegen muß ich Sünde richten, In beiden Feuern brennend mich vernichten. Die gestern mich als Heiligen verehrt, Sehn heute in den Wüstling mich verkehrt, Die gestern mit mir in den Gossen lagen, Sehn heut mich fasten und Gebete sagen, Und alle speien aus und fliehen mich, Den treulos Liebenden, den Würdelosen; Auch der Verachtung Blume flechte ich In meines Dornenkranzes blutige Rosen. Scheinheilig wandl’ ich durch die Welt des Scheins, Mir selbst wie euch verhaßt, ein Greuel jedem Kinde, Und weiß doch: alles Tun, eures wie meins, Wiegt weniger vor Gott als Staub im Winde. Und weiß: auf diesen ruhmlos sündigen Pfad Weht Gottes Atem mich, ich muß es dulden, Muß weiter treiben, tiefer mich verschulden Im Rausch der Lust, im Bann der bösen Tat. Was dieses Treibens Sinn sei, weiß ich nicht. Mit den befleckten, lasterhaften Händen Wisch ich mir Staub und Blut vom Angesicht Und weiß nur: diesen Weg muß ich vollenden. Uralte Buddha-Figur in einer japanischen Waldschlucht verwitternd Gesänftigt und gemagert, vieler Regen Und vieler Fröste Opfer, grün von Moosen Gehn deine milden Wangen, deine großen Gesenkten Lider still dem Ziel entgegen, Dem willigen Zerfalle, dem Entwerden Im All, im ungestaltet Grenzenlosen. Noch kündet die zerrinnende Gebärde Vom Adel deiner königlichen Sendung Und sucht doch schon in Feuchte, Schlamm und Erde, Der Formen ledig, ihres Sinns Vollendung, Wird morgen Wurzel sein und Laubes Säuseln, Wird Wasser sein, zu spiegeln Himmels Reinheit, Wird sich zu Efeu, Algen, Farnen kräuseln, — Bild allen Wandels in der ewigen Einheit. Das Leben, das ich selbst gewählt Ehe ich in dieses Erdenleben kam Ward mir gezeigt, wie ich es leben würde. Da war die Kümmernis, da war der Gram, Da war das Elend und die Leidensbürde. Da war das Laster, das mich packen sollte, Da war der Irrtum, der gefangen nahm. Da war der schnelle Zorn, in dem ich grollte, Da waren Haß und Hochmut, Stolz und Scham. Doch da waren auch die Freuden jener Tage, Die voller Licht und schöner Träume sind, Wo Klage nicht mehr ist und nicht mehr Plage, Und überall der Quell der Gaben rinnt. Wo Liebe dem, der noch im Erdenkleid gebunden, Die Seligkeit des Losgelösten schenkt, Wo sich der Mensch der Menschenpein entwunden als Auserwählter hoher Geister denkt. Mir ward gezeigt das Schlechte und das Gute, Mir ward gezeigt die Fülle meiner Mängel. Mir ward gezeigt die Wunde draus ich blute, Mir ward gezeigt die Helfertat der Engel. Und als ich so mein künftig Leben schaute, Da hört ein Wesen ich die Frage tun, Ob ich dies zu leben mich getraute, Denn der Entscheidung Stunde schlüge nun. Und ich ermaß noch einmal alles Schlimme — »Dies ist das Leben, das ich leben will!« — Gab ich zur Antwort mit entschloßner Stimme. So wars als ich ins neue Leben trat Und nahm auf mich mein neues Schicksal still. So ward ich geboren in diese Welt. Ich klage nicht, wenns oft mir nicht gefällt, Denn ungeboren hab ich es bejaht. Hermann Hesse schätzte seine Lyrik mehr als seine Prosa, und so schrieb er während sechzig Jahren etwa 1400 Gedichte. 800 davon fanden Aufnahme in seine fünfzehn verschiedenen Gedichtsammlungen, der Rest erschien in Zeitungen oder verschwand in seinem Nachlaß. 1946 erhielt Hesse den Nobelpreis für Literatur – für seine Prosa, nicht für seine eigentliche Passion: die Poesie. Geboren 1877 in Calw im Königreiche Württemberg erlernte er das Handwerk eines Buchhändlers und ließ sich 1904 als Schriftsteller erst am Bodensee und später im schweizerischen Tessin nieder. 1962 endete sein diesseitiges Leben auch dort, in Montagnola bei Lugano. Hesse war der meistgelesene und bekannteste deutsche Autor des 20. Jahrhunderts.
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