»Ich bin heute aber auch wieder ein Schelm...«Eine Auswahl von Gedichten und
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Unser Dichter erblickte am 20. Februar 1909 in Riga (damals Rußland, dann Lettland) das Licht der Welt. Schon als Kind erwachte sein Talent zur spaßigen Unterhaltung am Klavier. Erhardts spitzbübischer Humor und sein spielend leichter Umgang mit der deutschen Sprache sind bis zum heutigen Tage legendär und unvergessen. Manche seiner Gedichte sind in den allgemeinen Sprachschatz übergegangen und werden heute noch gerne rezitiert, meist ohne den Urheber zu kennen. Seine Wortspiele, oft mit einer versteckten und kritischen Pointe versehen, haben bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Man denke nur an sein politisches Gedicht »Flecke« oder sein sehr aktuelles Werk zur ewigen Reformerei der Sprache: »Rechtschreibung«. >>>
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Obwohl Heinz Erhardt sich bescheiden unter den großen deutschsprachigen Poeten als kleines Licht brennen sah, braucht er sich vor Morgenstern und Ringelnatz nicht zu verstecken. Er war ohne Zweifel einer von ihnen, einer der wenigen ganz großen, als er uns am 5. Juni 1979 zu Hamburg wieder verließ.
Folgende Gedichtsammlung stammt aus von mir zusammengetragenen Internetquellen. Viel Freude an »Willi Winzigs« Juwelen. Eine breite Sammlung seiner Streiche findet der geneigte Dichterfreund übrigens im Großen Heinz-Erhardt-Buch, als günstige Taschenausgabe beim Goldmann-Verlag, München, erschienen. |
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Der Unfall des Mathematikers
Es war sehr kalt, der Winter dräute, da trat – und außerdem war’s glatt – Professor Wurzel aus dem Hause, weil er was einzukaufen hat. Kaum tat er seine ersten Schritte, als ihn das Gleichgewicht verließ, er rutschte aus und fiel und brach sich die Beine und noch das und dies. Jetzt liegt er nun, völlig gebrochen, im Krankenhaus in Gips und spricht: »Ich rechnete schon oft mit Brüchen, mit solchen Brüchen aber nicht!« |
Warum die Zitronen sauer wurden
Ich muß das wirklich mal betonen: Ganz früher waren die Zitronen (ich weiß nur nicht genau mehr, wann dies gewesen ist) so süß wie Kandis. Bis sie einst sprachen: »Wir Zitronen, wir wollen groß sein wie Melonen! Auch finden wir das Gelb abscheulich, wir wollen rot sein oder bläulich!« Gott hörte oben die Beschwerden und sagte: »Daraus kann nichts werden! Ihr müßt so bleiben! Ich bedauer!« Da wurden die Zitronen sauer... |
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Beichte
»Warum machst du in Gedichten?« fragte mich ein Menschenkind. »Warum schreibst du nicht Geschichten, die doch leicht verkäuflich sind?« Oh, ich habe meine Gründe für mein Tun – und sprach verträumt: »Weil ich es viel schöner finde, wenn sich hinten alles reimt.« |
Der Brummer
Der Brummer, der mich so geplagt und den ich hundertmal gejagt, und den ich niemals kriegen konnte, weil er ja leider fliegen konnte, und der mir manchen Schlaf verdorben, der Brummer ist, gottlob, verstorben. Er starb an Bauchweh und Migräne. – De mortuis nil nisi bene!* (* Latein: von Toten soll man nur gut sprechen) |
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Die Made
Hinter eines Baumes Rinde wohnt die Made mit dem Kinde. Sie ist Witwe, denn der Gatte, den sie hatte, fiel vom Blatte. Diente so auf diese Weise einer Ameise als Speise. Eines Morgens sprach die Made: »Liebes Kind, ich sehe grade, drüben gibt es frischen Kohl, den ich hol’. So leb denn wohl. Halt! Noch eins, denk, was geschah, geh nicht aus, denk an Papa!« Also sprach sie und entwich. – Made junior jedoch schlich hinterdrein, und das war schlecht, denn schon kam ein bunter Specht und verschlang die kleine fade Made ohne Gnade. – Schade. Hinter eines Baumes Rinde ruft die Made nach dem Kinde. |
Der Apfelschuß
Der Landvogt Geßler sprach zum Tell: »Du weißt, ich mache nicht viel Worte! Hier, nimm einmal die Tüte schnell, sind Äpfel drin von bester Sorte! Leg einen auf des Sohnes Haupt, versuch, ihn mit dem Pfeil zu spalten! Gelingt es dir, sei’s dir erlaubt, des Apfels Hälften zu behalten!« Der Vater tat, wie man ihn hieß, und Leid umwölkte seine Stirne, der Knabe aber rief: »Komm, schieß mir doch den Apfel von der Birne!« Der Pfeil traf tödlich – einen Wurm, der in dem Apfel wohnte... Erst war alles still, dann brach der Sturm des Jubels los, der’n Schützen lohnte! Man rief: »Ein Hoch dir, Willi Tell! Jetzt gehn wir einen trinken, gell?«* (* Westfälische Fassung: |
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Die Maus
Es wollte eine kleine Maus – im Keller wohnhaft – hoch hinaus; und eines nachts, auf leisen Hufen, erklomm sie achtundneunzig Stufen und landete mit Weh und Ach ganz oben, dicht unter dem Dach. Dort wartete bereits auf sie die Katze, namens Doremi. – Kaum, daß das Mäuslein nicht mehr lebte, geschah’s, daß eine Fledermaus ein paarmal um die Katze schwebte, zur Luke flog und dann hinaus. Da faltete die Katz’, die dreiste, die Pfoten und sprach: »Ei, wie süß! Da fliegt die Maus, die ich verspeiste, als Engelein ins Paradies!« |
Der Einsame
Einsam irr’ ich durch die Gassen, durch den Regen, durch die Nacht. Warum hast du mich verlassen? Warum hast du das gemacht? Nichts bleibt mir, als mich zu grämen, gestern sprang ich in den Bach. Um das Leben mir zu nehmen, doch der Bach war viel zu flach. Einsam irr’ ich durch den Regen, und ganz feucht ist mein Gesicht. Nicht allein des Regens wegen, nein, davon alleine nicht. Wo bleibt Tod im schwarzen Kleide? Wo bleibt Tod und tötet mich? Oder besser noch: Uns beide. Oder besser: Erst mal dich! |
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Das Fenster
Ich hab’ zu Haus ein Fenster stehn, jedoch die Aussicht ist nicht schön: Nur eine Mietskaserne! Doch neulich sah ich vis-à-vis ein weiblich Wesen, schön wie nie! Nun guck’ ich ziemlich gerne... |
Der Berg
Hätte man sämtliche Berge der ganzen Welt, zusammengetragen und übereinandergestellt und wäre zu Füßen dieses Massivs, ein riesiges Meer, ein breites und tiefs. Und stürzte nun, unter Donnern und Blitzen der Berg in dieses Meer – na das würd’ spritzen! |
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Was wär...
Was wär ein Apfel ohne -sine was wären Häute ohne Schleim, was wär die Vita ohne -mine, was wär’n Gedichte ohne Reim? Was wär das E ohne die -lipse, was wär veränder ohne -lich, was wär ein Kragen ohne Schlipse, und was wär ich bloß ohne dich? |
Leicht zu sagen
Du irrst, wenn du sagst, es sei leicht, was Leichtes hinzuschreiben, was lustig – aber nicht zu seicht – die Sorgen hilft vertreiben. Leicht ist, ich bitt’ dich zu verzeihn, das sogenannte Ernste, das braucht nicht angebor’n zu sein – das kannste bald, das lernste! |
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Das Blümchen
Im Walde ist ein Plätzchen, ein Plätzchen wunderschön. Beim Plätzchen steht ein Bänkchen, das möcht ich wiedersehn. Beim Bänkchen wächst ein Blümchen, ein Blümchen weiß und rot, das möcht ich gerne pflücken; denn morgen ist es tot. Ich will’s ins Wasser legen, bis daß es fast ertrinkt, und es so lange hegen, bis Mutti sagt: »Es stinkt!« (Vom Dichter im Alter von 6 Jahren geschrieben) |
Humanistisches Frühlingslied
Amsel, Drossel, Star und Fink singen Lieder vom Frühlink, machen recht viel Federlesens von der Gegenwart, vom Präsens. Krokus, Maiglöckchen und Kressen haben längst den Schnee vergessen, auch das winzigste Insekt denkt nicht mehr ans Imperfekt. Hase, Hering, Frosch und Lachs, Elke, Inge, Fritz und Max – alles, alles freut sich nur an dem Jetzt. Und aufs Futur. |
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Die Zelle
Das Leben entspringt auf alle Fälle aus einer Zelle. Doch manchmal endet’s auch bei Strolchen in einer solchen. |
Zu kurz
Kaum daß auf diese Welt du kamst, zur Schule gingst, die Gattin nahmst, Dir Kinder, Gut und Geld erwarbst, schon liegst du unten, weil du starbst. |
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Der Tauchenichts
(frei nach Schillers »Der Taucher«) »Wer wagt es, Knappersmann oder Ritt, zu schlunden in diesen Tauch? Einen güldenen Becher habe ich mit, den werf’ ich jetzt in des Meeres Bauch! Wer ihn mir bringt, ihr Mannen und Knaben, der soll meine Tochter zum Weibe haben!« Der Becher flog. Der Strudel zog ihn hinab ins greuliche Tief. Die Männer schauten, weil sie sich grauten, weg. – Und abermals der König rief: »Wer wagt es, Knippersmann oder Ratt, zu schlauchen in diesen Tund? Wers wagt – das erklär ich an Eides statt – darf küssen meines Töchterleins Mund! Darf heiraten sie. Darf mein Land verwalten! Und auch den Becher darf er behalten!« Da schlichen die Mannen und Knappen von dannen. Bald waren sie alle verschwunden. – Sie wußten verläßlich: die Tochter ist gräßlich! – Der Becher liegt heute noch unten... |
Kinder
Kinder haben es so leicht, haben keine Sorgen, denken nur, was mach ich jetzt, nicht, was mach ich morgen... Kinder haben es so schwer, dürfen niemals mäkeln und sich wie der Herr Papa auf dem Sofa räkeln... Kinder haben es so leicht, dürfen immer spielen, essen, wenn sie hungrig sind, weinen, wenn sie fielen... Kinder haben es so schwer, müssen so viel lernen und, wenn was im Fernsehn kommt, sich sofort entfernen... Kinder haben es so leicht, naschen aus der Tüte, glauben an den lieben Gott und an dessen Güte... Kinder haben es so schwer, müssen Händchen geben – und auf dieser blöden Welt noch so lange leben... |
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Der Maus
Der Maus ihr Gatte wurd’ geschnappt von einer Mausefalle, nun war – verdammt und zugeklappt! – er mausetot für alle. Die Trauerrede für’n Gemahl, sie gipfelte im Satze: »Viel schneller ging’s in jedem Fall mit Falle – als mit Katze!« |
Der Kabeljau
Das Meer ist weit, das Meer ist blau im Wasser schwimmt ein Kabeljau. Da kommt ein Hai von ungefähr ich glaub von links, ich weiß nicht mehr, verschluckt den Fisch mit Haut und Haar, das ist zwar traurig, aber wahr. Das Meer ist weit, das Meer ist blau im Wasser schwimmt kein Kabeljau. |
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Die Nase
Wenn gleich die Nas, ob spitz, ob platt, zwei Flügel – Nasenflügel – hat, so hält sie doch nicht viel vom fliegen, nein, das Laufen scheint ihr mehr zu liegen. |
Die Gans
Die Gans erwacht im grauen Forst erstaunt in einem Adlerhorst. Sie blickt sich um und denkt betroffen »Mein lieber Schwan, war ich besoffen!« |
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Das Reh
Das Reh springt hoch, das Reh springt weit. Warum auch nicht – es hat ja Zeit! |
Der Specht
Auf einem Baume saß ein Specht. Der Baum war hoch. Dem Specht war schlecht. |
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Gedanken am Samstagabend
Im Wasser schwimmt der Gummischwamm, denn heut ist Samstag, und ich bade. Zwei Zähne fehlen mir am Kamm, es duftet laut nach Haarpomade. Das Waser tropft ins Abflußrohr, der Stöpsel scheint nicht gut zu schließen. Ich habe Seife in dem Ohr und Hühneraugen an den Füßen. Das Wasser ist schon stark getrübt, und mühsam wälzen sich die Fluten. Ich bin seit vorgestern verliebt, da hilft kein Blasen und kein Tuten. |
Ein Zyklus
Der Frühling Und wieder ist es Mai geworden, es weht aus Süden statt aus Norden. Die Knospen an den Bäumen springen, und Vogel, Wurm und Kater singen: fidi rallala, fidi rallala. Der Herbst Und wieder ward es Herbst hienieden, es weht aus Norden statt aus Süden. Die Knospen an den Bäumen ruhen, und auch die Kater haben nichts zu tuen. Ralla fididi, ralla fididi. |
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Die Weihnachtsgans
Tiefgefroren in der Truhe liegt die Gans aus Dänemark. Vorlaufig läßt man in Ruhe sie in ihrem weißen Sarg. Ohne Kopf, Hals und Gekröse liegt sie neben dem Spinat. Ob sie wohl ein wenig böse ist, daß man sie schlachten tat? Oder ist es nur zu kalt ihr, man sieht’s an der Gänsehaut. Na, sie wird bestimmt nicht alt hier morgen wird sie aufgetaut. Hm, welch Duft zieht aus dem Herde, durch die ganze Wohnung dann. Mach, daß gut der Braten werde – Morgen kommt der Weihnachtsmann. |
An die Bienen
Bienen! Immen! Sumseriche! Wer sich je mit euch vergliche, der verdient, daß man ihn töte! Daß zumindest er erröte! Denn, wie ihr in Tal und Berg schafft ohne Zutun der Gewerkschaft, ohne daß man euch bezahle, ohne Streik und Lohnspirale, täglich, stündlich drauf bedacht, daß ihr für uns den Honig macht, ihr seid’s wert, daß man euch ehre! Wobei vorzuschlagen wäre – ob nun alt ihr, ob Novizen – euch von heute ab zu siezen! Unser Dank, unser Applaus säh in etwa dann so aus: »Sehr geehrte Honigbienen! Wir Verbraucher danken Ihnen!« |
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Der Fischer
(frei nach Johann Sebastian Goethe) Das Meer ist angefüllt mit Wasser und unten ists besonders tief. Am Strande dieses Meeres saß er, das heißt, er lag, weil er ja schlief. Drum noch einmal: Am Meere saß er, das heißt, er lag, weil er ja schlief, und dieses Meer war voll von Wasser, und unten war’s besonders tief. Da plötzlich teilten sich die Fluten, und eine Jungfrau trat herfür. Auf einer Flöte tat sie tuten, das war kein schöner Zug von ihr. Dem Fischer ging ihr Lied zu Herzen, obwohl sie falsche Töne pfoff. Man sah ihn in die Fluten sterzen, da ging er unter und ersoff. |
Die Kuh
Auf der saftig günen Wiese weidet ausgerechnet diese eine Kuh, eine Kuh. Ach ihr Herz ist voller Sehnen und im Auge schimmern Tränen ab und zu, ab und zu. Was ihr schmeckt das wiederkautse mit der Schnauze, dann verdautse und macht muh, und macht muh. Träumend und das Maul bewegend, schautse dämlich in die Gegend grad wie du, grad wie du. |
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Zu spät
Die alten Zähne wurden schlecht, und man begann, sie auszureißen, die neuen kamen grade recht, um mit ihnen ins Gras zu beißen. |
Die Augen
Die Augen sind nicht nur zum sehen, sind auch zum singen eingericht’ – wie soll man es denn sonst verstehen, wenn man von Augenliedern spricht? |
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Der Fels
Wenn dir ein Fels vom Herzen fällt, so fällt er auf den Fuß dir prompt! So ist es nun mal auf der Welt: ein Kummer geht, ein Kummer kommt. |
Abendfrieden
Die Oma murmelt leise vor sich her – sie spricht mit Opa, doch den gibt’s nicht mehr... Im Bettchen nebenan schläft süß das Kind; die Mutter strickt, der Vater spinnt... |
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Die Kunst des Trinkens
Solange es uns Menschen gibt, sind auch Getränke sehr beliebt – ich meine hier natürlich nur die alkoholischer Natur! Den Wein, den hab ich übersprungen, der wurde schon zu oft besungen – und auch der Sekt! (man reicht ihn Gästen zum An- und Aufstoßen bei Festen.) Wie selten aber steht vom Bier etwas geschrieben, außer hier: »Es schäumt das Glas mit edler Gerste, und stets bekömmlich ist das erste!« Doch gibt es außerdem Getränke, den’n ich besondre Liebe schenke, ich schätze fast seit der Geburt se: das ist der Klare oder Kurze! Wie wärmen sie an kalten Tagen schön eisgekühlt den kalten Magen! Wie spornen sie – als Geistgetränke – den Geist an, daß er wieder denke! Jedoch wie geistlos – sei’n wir offen – wird diese Köstlichkeit gesoffen! Drum will ich, eh’ Sie einen heben, hier schnell noch einen Ratschlag geben: Man trinke Schnaps stets nur zum Essen! Das Bier dazu soll man vergessen! Und ob in Kneipe oder Haus: Man lasse immer einen aus! Wenn man das ganz genau so tut, dann fährt man stets – auch Auto – gut. |
Die Sängerin
Reihen, Stühle, braune, harte. Eintritt gegen Eintrittskarte. Damen viel. Vom Puder blasse. Und Programme an der Kasse. Einer drückt. Die erste Glocke. Sängerin rückt an der Locke. Leute strömen. Manche kenn ich. Garderobe fünfzig Pfennig. Wieder drückt man. Zweite Glocke. Der Begleiter glättet Socke. Kritiker erscheint und setzt sich. Einer stolpert und verletzt sich. Sängerin macht mi-mi-mi. Impresario tröstet sie. Dritte Glocke. Schrill und herrisch. Sie erscheint. Man klatscht wie närrisch. Jemand reicht ihr zwei Buketts. Dankbarkeit für Freibillets. Und sie zuckt leis mit den Lippen. Beugt sich vor, als wollt sie kippen. Nickt. Der Pianist macht Töne. Sängerin zeigt weiße Zähne. Öffnet zögernd dann den Mund. Erst oval. Allmählich rund. Und – mit Hilfe Ihrer Lungen hat sie hoch und laut gesungen. Sie sang Schumann, Lincke, Brahms. Der Beginn war acht Uhr ahms. Und um elf geht man dann bebend, aber froh, daß man noch lebend, heimwärts. Legt sich müde nieder. – Morgen singt die Dame wieder. |
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Sommeranfang
Mit Frischem füllen sich die Keller. Es sinkt der Öl- und Lichtverbrauch. Die Nächte werden immer heller. Der Tag nimmt zu. Die Oma auch. |
Winteranfang
Verblüht sind Dahlien und Ginster. Die Rechnung steigt für Öl und Licht. Die Nächte werden wieder finster. Der Tag nimmt ab. Die Oma nicht. |
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Das wär schön!
Ich glaube, manche junge Frau, würde vor Glück zerspringen, würd’ ihr der Klapperstorch zum Kind auch gleich den Vater bringen. |
Zwang
Du mußt dich zu sehr vielen Dingen, willst du sie tun, geradzu zwingen! Trotzdem wirkt das – was dir gelungen – oft zwingend leicht und ungezwungen. |
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Wandspruch
Die Arbeit ist oft unbequem, die Faulheit ist es nicht, trotzdem: der kleinste Ehrgeiz, hat man ihn, ist stets der Faulheit vorzuziehn! |
In nur vier Zeilen
In nur vier Zeilen was zu sagen Erscheint zwar leicht, doch ist es schwer! Man braucht ja nur mal nachzuschlagen; Die meisten Dichter brauchen mehr... |
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Man nehme
Seit frühester Kindheit, wo man froh lacht, verfolgt mich dieser Ausspruch magisch: Man nehme ernst nur das, was froh macht, das Ernste aber niemals tragisch! |
Versprechen
»Ich hol’ vom Himmel dir die Sterne«, so schwören wir den Frauen gerne. Doch nur am Anfang! Später holen wir nicht mal aus dem Keller Kohlen. |
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Der Igel
Der Igel sprach zur Igelin: »Du weißt nicht, wie verliebt ich bin! Ich liebe dich wie nichts so!« Dann drückte er sie fest an sich, worauf sie schrie: »Auch ich lieb’ dich, doch laß das sein, du stichst so!« |
Vom Alten Fritz
Vom Alten Fritz, dem Preußenkönig, weiß man zwar viel, doch viel zu wenig. So ist es zum Beispiel nicht bekannt, daß er die Bratkartoffeln erfand! Drum heißen sie auch – das ist kein Witz – Pommes Fritz! |
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Den Unverstandenen
Stumm ist der Fisch, doch nicht nur er: Auch einen Wurm verstehst du schwer. Selbst deines treuen Hunds Gebell Entzifferst du nicht immer schnell. Auch bei den Rindern, Hühnern, Schweinen kannst du nur raten, was sie meinen. Drum spreche ich als Anwalt hier für jedes unverstand’ne Tier. (Für’n Papagei brauch ich das nicht, weil er ja für sich selber spricht!) |
Der König Erl
(frei nach Johann Wolfgang von Frankfurt) Wer reitet so spät durch Wind und Nacht? Es ist der Vater. Es ist gleich acht. Im Arm den Knaben er wohl hält, er hält ihn warm, denn er ist erkält. Halb drei, halb fünf. Es wird schon hell. Noch immer reitet der Vater schnell. Erreicht den Hof mit Müh und Not – Der Knabe lebt, das Pferd ist tot! |
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Unterschied
Wollen wir doch einmal dieses Thema streifen: Autoräder sind von Reifen – Lehrer aber, die zu lehren sich bestreben, sind von Unreifen umgeben! |
Nichts
»Gott hat die Welt aus Nichts gemacht«, so steht es im Brevier, nun kommt mir manchmal der Verdacht, er macht sich nichts aus ihr... |
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Der Snob
Sie reichten Weine mir und Bier und Schnäpse und dergleichen – dabei könn’n diese Leute mir nicht mal das Wasser reichen! |
Die Dichter
Es soll manchen Dichter geben, der muß dichten um zu leben. Ist das immer so? Mitnichten, manche leben um zu dichten. |
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Vierzeiler
Es dürfte keine Steuern geben, kein Zahnweh, keine Schützengräben, dann wär auf dieser Welt das Leben vielleicht noch schöner als wie eben! |
Vierzeiler
Ich finde solche, die von ihrem Geld erzählen und solche, die mit ihrem Geiste protzen und solche, die erst beten und dann stehlen, ich finde solche, Sie verzeihn, zum Kotzen. |
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Ein Traum
Ich schlaf nicht gern auf weichen Daunen; denn statt des Märchenwaldes Raunen Hör ich im Traume all die kleinen gerupften Gänschen bitter weinen. Sie kommen an mein Bett und stöhnen und klappern frierend mit den Zähnen, und dieses Klappern klingt so schaurig... Wenn ich erwache bin ich traurig. |
Es ist nicht alles Gold, was glänzt
Oft glänzt der Himmel strahlend blau, und oft glänzt eine Hose, es glänzt die Nase einer Frau vor dem Gebrauch der Puderdose. Durch Abwesenheit glänzt das Glück! Durchs Bohnern glänzt die Diele – man rutscht drauf aus und bricht’s Genick! (Zu großer Glanz ist nichts für viele!) |
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Nächstenliebe
Die Nächstenliebe leugnet keiner, doch ist sie oft nur leerer Wahn, das merkst am besten du in einer stark überfüllten Straßenbahn. Du wirst geschoben und mußt schieben der Strom der Menge reißt dich mit. Wie kannst du da den Nächsten lieben, wenn er dich auf die Füße tritt?! |
Fast eine Fastenkur
Alte Brötchen. Saure Weine. Ein Salatblatt. Guß auf Beine. Hunger nagt im Magen-Sektor. Und er knurrt. Wie draußen Hektor. Will nicht mehr gesund und schlank sein! Will dann lieber dick und krank sein! Kehrt zurück, ihr großen fetten Schnitzel oder Schweinskotletten und auch ihr, ihr Leibbeschwerden! Bin es satt, nie satt zu werden! |
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Am Kamin
Es gibt recht viele, die noch immer vom englischen Kamine schwärmen. Er kann so leidlich zwar das Zimmer – doch ich mich nicht für ihn erwärmen. Wenn ich vor solchem Möbel sitze – ich muß das wirklich mal erwähnen – so hab ich vorne große Hitze und klappre hinten mit den Zähnen. – Sitzt du jedoch bei mir ganz dicht, legst um mich deinen lieben Arm, dann gilt das, was ich sagte nicht – dann hab ich es auch hinten warm! |
In Eile
Kaum warst du Kind, schon bist du alt. Du stirbst – und man vergißt dich bald. Da hilft kein Beten und kein Lästern: was heute ist, ist morgen gestern. Das Lachen Kein Tier vermag sich lachend zu zeigen, ob es nun kräht, miaut oder bellt – das Lachen ist nur dem Menschen eigen und deshalb nicht von dieser Welt... |
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Ausgefallenes
Man hat ganz oben auf dem Kopfe Viel tausend Poren, dicht an dicht. Und nun – das ist das Wunderbare: Aus diesen Poren wachsen Haare! Oder auch nicht. |
An einen Nichtschwimmer
Du kannst nicht schwimmen? Ach deshalb kriegen dich nicht Baldrian, nicht Kampfer auf einen Dampfer! Doch neulich hast du ein Flugzeug bestiegen! Kannst du denn fliegen? |
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In eigener Sache
Ich häng oft den Gedanken nach, die teilweis stürmisch, teils gemach die Gänge meines Hirns erfüllen. Doch denken kann ich nur im Stillen. Im Wald zum Beispiel! Zwischen Bäumen, dort kann ich dichten, kann ich träumen. In Gegenwart von Baum und Tier, da kommen die Gedanken mir. Allein, inmitten jener Wesen, die schreiben können und auch lesen, die lieben könnten und nur hassen, fällt mir nichts ein, da muß ich passen! |
Letzte Bitte
Der Tag geht nun zur Neige und leise kommt die Nacht. Ich danke dir für alles, was du für mich gemacht. Du hast mich stets getröstet, wenn mir was nicht geglückt, und hast oft aus Liebe ein Auge zugedrückt. Jetzt geht mein Weg zu Ende. Und leg ich mich zur Ruh, so falte meine Hände, und dann nimm deine Hände: drück beide Augen zu... |
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Noch’n Unterschied
Wir fuhren einst zusammen tagtäglich mit der »Zehn«, jetzt fahren wir zusammen, wenn wir uns wiedersehn! |
Vierzeiler
Ich wälze nicht schwere Probleme und spreche nicht über die Zeit. Ich weiß nicht, wohin ich dann käme, ich weiß nur, ich käme nicht weit. |
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Überlistet
Wenn Blätter von den Bäumen stürzen, die Tage täglich sich verkürzen, wenn Amsel, Drossel, Fink und Meisen die Koffer packen und verreisen, wenn all die Maden, Motten, Mücken, die wir versäumten zu zerdrücken, von selber sterben – so glaubt mir: es steht der Winter vor der Tür! Ich laß ihn stehn! Ich spiel ihm einen Possen! Ich hab die Tür verriegelt und gut abgeschlossen! Er kann nicht rein! Ich hab ihn angeschmiert! Nun steht der Winter vor der Tür – und friert! |
Rechtschreibung
Delfine schwimmen schnell und leis (man schreibt sie mit »ph« ich weiß doch schreibt man ja auch Tele»f«on, und das bereits seit langem schon) – sie schwimmen (wie gesagt mit »f«) – sie schwimmen – vorn ihr alter Scheff (wir schreiben schließlich auch »Schofför«) – sie schwimmen also durch das Meer. Was heißt durchs »Meer«? – Sogar durch »Meere«! Und manche altgediente Mähre, wie überhaupt so manches Ferd (mit »V« wär es total verkehrt) glaubt, es sei wie ein Delphien! (Das zweite »e« ist schlecht für ihn.) Orthogravieh – das sieht man hier – ist nicht ganz leicht für Mensch und Tier! |
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Wahrheit
Die schlechtesten Bücher sind es nicht, an denen Würmer nagen, die schlechtesten Nasen sind es nicht, die eine Brille tragen. Die schlechtesten Menschen sind es nicht, die dir die Wahrheit sagen. |
Die U(h)rsache
Die Rathausuhr geht unentwegt, und immer scheint sie aufgeregt, weil – ist sie auch schon hochbetagt – sie innerlich die Unruh plagt –, was sich auf uns dann überträgt... |
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Depressionen
Vorvorgestern war ich fröhlich, vorgestern hat sich’s gegeben, gestern schlug ich Purzelbäume, heute will ich nicht mehr leben. Solch ein Zustand ist entsetzlich, mich und meine Umwelt quäl ich; doch er dauert nicht sehr lange: morgen bin ich wieder fröhlich! |
Ein Weihnachtslied
Es ist Weihnachten geworden. Kalter Wind bläst aus dem Norden und hat Eis und Schnee gebracht. Doch am Weihnachtsbaum die Kerzen, die erwärmen unsre Herzen, und des Kindes Auge lacht. Und man sieht auf den verschneiten Straßen weiße Engel schreiten durch die stille, heil’ge Nacht. |
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Vierzeiler
Ein Naßhorn und ein Trockenhorn spazierten durch die Wüste. Da solperte das Trockenhorn, und’s Naßhorn sagte: »Siehste!« Sie dienten mir gerne bei jedem Gedicht, die Substantive und die Verben, doch heute gehorchen sie mir leider nicht – ich möcht’ am liebsten sterben. |
Vierzeiler
Ich denk nicht gern an jenen Kuß, den du mir gabst, Helene; denn wenn ich an ihn denken muß, dann werd’ ich müd und gähne. Ich kann’s bis heute nicht verwinden, deshalb erzähl ich’s auch nicht gern: den Stein der Weisen wollt ich finden und fand nicht mal des Pudels Kern. |
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Ohne Titel
Der Löwe hat ’ne Mähne und weiter vorne Zähne! Doch bei der Frau Sanders, da ist das ganz anders: Sie hat, man sieht’s beim Gähnen, die Mähne auf den Zähnen. |
Der Stier
Ein jeder Stier hat oben vorn auf jeder Seite je ein Horn; doch ist es ihm nicht zuzumuten, auf so ’nem Horn auch noch zu tuten. Nicht drum, weil er nicht tuten kann, nein, er kommt mit dem Maul nicht ’ran! |
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Das Unwetter
(frei nach Ludwig Uhland*, dem Erfinder der gleichnamigen Straße) Urahne, Großmutter, Mutter und Kind in dumpfer Stube versammelt sind. – ’s ist Mittwoch. Da hört man von ferne ein leises Grollen. Mond und Sterne verhüllen sich mit schwarzen, feuchten Wolkenschleiern. Blitze leuchten. Und es sind versammelt in dumpfer Stube Urahne, Großmutter, Mutter und Bube. – Das Gewitter kommt näher mit Donnerschlag – und noch fünf Minuten bis Donnerstag! Es heult der Sturm, es schwankt die Mauer, der Regen prasselt, die Milch wird sauer –, und in dumpfer Stube – man weiß das schon – sind Urahne, Großmutter, Mutter und Sohn. Ein furchtbarer Krach! Ein Blitz schlägt ein! Der Urahne hört was und sagt: »Herein!« – Die dumpfe Stube entflammt und verglimmt mit Urhammel, Großbutter, Butter und Zimt. (* Irrtum von Erhardt, das Gedicht |
Das Pechmariechen
Zu Ostern in Hersfeld die Mutter spricht: »Bald ist es Zeit für das Festtagsgericht! Drum geh, liebe Tochter, hinab in den Keller und fülle mit Sauerkraut hier diesen Teller!« »Oh Mutter, oh Mutter, mir träumte neulich von einem Mann, der Mann war abscheulich...! Ach, laß uns den Keller vergessen: woll’n wir was anderes essen!« »Mein Kind, mein Kind, ich seh es genau: du kommst in die Jahre, wirst langsam Frau, siehst überall Männer, die lauern – geh, hol von dem Kraut, von dem sauern!« Mariechen gehorchet, sie schreitet hinab, hinab in den Keller, der finster wies Grab, sie füllet den Teller, den Teller von Blech, doch solang sie auch füllet, es kommt kein Mann, so’n Pech! Darum: Pechmariechen! |
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Die Schule
Die Schule ist, das weiß man ja, in erster Linie dazu da, den Guten wie den Bösewichtern den Lehrstoff quasi einzutrichtern; allein – so ists nun mal hinieden: die Geistesgaben sind verschieden. Mit Löffeln, ja sogar mit Gabeln frißt Kai die englischen Vokabeln; Karl-Heinz hat aber erst nach Stunden die Wurzel aus der Vier gefunden. Und doch! Karl-Heinz als »dumm« verschrien, wird Chef – und man bewundert ihn, und Kai in Uniform gezwängt, steht an der Drehtür und empfängt und braucht in Englisch höchstens dies: »Good morning, Sir!« und manchmal »Please!« Hieraus ersieht der dümmste klar, daß der, der »dümmer«, klüger war! Weihnachten 1944 (Als ich keinen Urlaub bekam) Wenn es in der Welt dezembert und der Mond wie ein Kamembert gelblich rund, mit etwas Schimmel angetan, am Winterhimmel heimwärts zu den Seinen irrt und der Tag stets kürzer wird – sozusagen wird zum Kurztag – hat das Christkindlein Geburtstag! Ach, wie ist man dann vergnügt, wenn man einen Urlaub kriegt. Andrerseits, wie ist man traurig, wenn es heißt: »Nein, da bedaur ich!« Also greift man dann entweder zu dem Blei oder der Feder und schreibt schleunigst auf Papier ein Gedicht, wie dieses hier: Die Berge, die Meere, den Geist und das Leben hat Gott zum Geschenk uns gemacht; doch uns auch den Frieden, den Frieden zu geben, das hat er nicht fertiggebracht! Wir tasten und irren, vergehen und werden, wir kämpfen mal so und mal so... Vielleicht gibt’s doch richtigen Frieden auf Erden? Vielleicht grade jetzt? – Aber wo? ... |
In der Schule drüben*
»Sagt mir, ihr lieben Jungs, geschwind, wer wohl die beiden Großen sind, die denen, die reich und bezopft, erfolgreich auf den Busch geklopft? Die man seit vorigem Jahrhundert studiert, versteht, liebt und bewundert? Die wir durch Wort und Bilder kennen? Wie mögen sich die beiden nennen?« »Ihr wißt es nicht, ihr dummen Bengels? Die beiden heißen Marx und ... !« Da meldete sich Hänschen Klein: »Das könn’n nur Marx und Moritz sein!« (*gemeint ist die DDR) |
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Ein Trauertag
Hunderttausend Menschen strömen auf die Friedhöfe der Städte. Die Gedanken gehn nach unten und nach oben die Gebete. Vater Staat hat uns befohlen, heut der Toten zu gedenken – ihnen Kränze oder Blumen oder Tränen gar zu schenken! Vater Staat mischt sich in alles, selbst in die intimsten Dinge – als ob der, der wirklich trauert, nicht auch so zum Friedhof ginge. Gerüchte um Gerichte Es gibt Gerüchte, daß Hülsenfrüchte – in Mengen genommen – nicht gut bekommen. Das macht ja nichts, ich finde das fein! Warum soll man nicht auch mal ein Bläh-Boy sein! |
Die Tänzerin
Erst tanzt sie nach rechts, dann tanzt sie nach links, dann bleibt sie in der Mitte. Dann tanzt sie nach links und wieder nach rechts, sie hat so ihre Schritte. Dann hebt sie den Arm, dann senkt sie das Haupt, voll Schmerz sind ihre Züge. Dann hebt sie das Haupt, dann senkt sie den Arm, sie tanzt die »fromme Lüge«. Dann geht sie zurück und dann geht sie vor, sehr schön ist dieser Vorgang. Dann reißt sie sich hoch und dann fällt sie hin, und dann fällt auch der Vorhang. Zu wenig Ich kenne keine Beine, die schöner wär’n als deine, deshalb bedaure ich es fast, daß du nur zweie hast... |
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Abendlied
Die Nacht bedeckt die Dächer, und in dem Aschenbecher verlöscht die Zigarette. Es ruhn fast alle Räder. Der Tag verging wie jeder, als Glied in einer Kette. Ich höre Eulen singen und sehne mich nach Dingen, die ich so gerne hätte. Und von dem vielen Sehnen bekomme ich das Gähnen – gut’ Nacht, ich geh’ zu Bette. |
Bilanz
Wir hatten manchen Weg zurückgelegt, wir beide, Hand in Hand. Wir schufteten und schufen unentwegt und bauten nie auf Sand. Wir meisterten sofort, was uns erregt, mit Herz und mit Verstand. Wenn man sich das so richtig überlegt, dann war das allerhand. |
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Der Schauspieler
Er sprach zu der Theaterleitung, nachdem er dreimal ausgespuckt: »Mein Name steht in dieser Zeitung nie eingerahmt, nie fettgedruckt! Dabei spiel ich die längsten Rollen, mal bin ich heldisch, mal geduckt, ich probe auch, solang Sie wollen, doch niemals bin ich fettgedruckt!« Ganz ohne Probe selbstverständlich starb gestern er, hat kaum gezuckt... Heut steht er in der Zeitung endlich schön eingerahmt und fettgedruckt! |
Zweizeiler
Das erste, was man bei einer Abmagerungskur verliert, ist die gute Laune. Noch zwei Tage und das Morgen hat vor 24 Stunden begonnen. Freunde, hütet euch vor diesen, die da husten, wenn sie niesen! Das Einzige, das man sich jederzeit nehmen darf, ohne danach sitzen zu müssen, ist Platz. Frieden auf Erden – hoffentlich wird es keinen Zaun mehr geben, von dem man einen Streit brechen kann. |
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Sehnsucht
Ich sehne mich nach einem Häuschen in Bayern oder an der Spree, ein Zimmer braucht es nur zu haben, dazu ein Bad und ein W.C. Im Zimmer würde ich notieren, was ich beim Baden grad gedichtet, und im W.C. würd’ dann das Machwerk von mir gleich hinterrücks vernichtet. |
Gedanken an der Ostsee
Wie wär die Welt so wunderbar, umspült vom blauen Meere, wenn diese Welt, wie’s einstmals war, ganz ohne Menschen wäre. Dann gäb’s kein Hoffen, kein Verzicht, kein Hassen und kein Morden, und wär bestimmt auch dies Gedicht nicht hingeschrieben worden. |
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Flecke
Gott, voller Weisheit, hehr und mild schuf uns nach seinem Ebenbild Gewiß, wir Menschen sind gescheit, doch wo ist uns’re Menschlichkeit? Erscheint uns jemand edel, groß, so täuscht das: er verstellt sich bloß! Erst wenn er Böses tut und spricht, zeigt er sein wahres Angesicht! – Um obiges nun zu beweisen, laßt alphabetisch uns verreisen, dann kann man sehn, was so geschah! Wir fangen vorne an, bei A! A (Amerika) Amerika, du Land der Super- lative und dort, wo James Cooper zwar seinen »Lederstrumpf« verfaßte, man aber die Indianer haßte, weshalb man sie, halb ausgerottet, in Reservaten eingemottet, sich dafür aber Schwarze kaufte, sie schlug und zur Belohnung taufte, doch heute meidet wie die Pest, sie aber für sich sterben läßt – wie beispielgebend stehst du da für Menschlichkeit! O, USA! B (Briten) Jedoch auch sie, die vielen Briten, die Schott- und Engländer, sie bieten für unser Thema Menschlichkeit so manchen Stoff seit alter Zeit! Nur waren’s statt Indianer Inder, die sie ermordeten, auch Kinder; und ähnlich Schreckliches erfuhren danach die Iren und die Buren, die man durch den Entzug des Fetts verschmachten ließ in den Kazetts! Jedoch bei Völkern, welche siegen, wird sowas immer totgeschwiegen... C (Christen) Dann wäre da, bar jeden Ruhms, so manche Tat des Christentums, die, eben wegen seiner Lehre, am besten unterblieben wäre! Man denke da zum Beispiel an Inquisition zuerst und dann an Waffensegnung mit Gebeten, um andre Gläubige zu töten! Auch dieses: lieber Menschenmassen verelenden und hungern lassen, statt man Geburtenreglung übe – auch das zeugt nicht von Menschenliebe! D (Deutschland) Nun: Wollt ihr, daß im Alphabet es mit dem D jetzt weitergeht? Ist es nicht besser, wenn ich ende? Wascht nur in Unschuld eure Hände und greift, kraft eigenen Ermessens, zum güt’gen Handtuch des Vergessens... Doch hilft das Waschen nicht und Reiben: Die Flecke bleiben! |
Fußball
Vierundvierzig Beine rasen durch die Gegend ohne Ziel, und weil sie so rasen müssen, nennt man das ein Rasenspiel. Rechts und links steh’n zwei Gestelle, je ein Spieler steht davor. Hält den Ball er, ist ein Held er, hält er nicht, schreit man: »Du Toooor!« Fußball spielt man meistens immer mit der unteren Figur. Mit dem Kopf, obwohl’s erlaubt ist, spielt man ihn ganz selten nur. Das Kälbchen Es spielt das Kind vom Rind im Wind, ist froh und guten Mutes. Es kennt nicht Not, nicht den Papa, nicht den Geruch des Blutes. Der Weg ist weit, der Kasten eng, das Kälbchen ahnt nichts Gutes. Der Schlächter ist kein schlechter Mann, doch muß er’s tun – und tut es. Das Kälbchen existiert nicht mehr, in unsern Mägen ruht es, doch nachts erscheint es uns im Traum, und traurig muh – muh – muht es. Erfreulich Es ist gewiß was Schönes dran, am Element, dem nassen, weil man das Wasser trinken kann! Man kann’s aber auch lassen! Oben ohne Natur ist immer dort sehr schön, wo Bäume ihr zu Berge stehn, und wenn der Wind behutsam leicht, wie’n Kamm durch diese Bäume streicht. Doch wo die Berge kahl und steinig da ist nichts los! – Sei’n wir doch einig, daß Schönheit meistens nicht viel zählt, wenn’s oben fehlt! Ohne Titel Eiapopeia, was raschelt im Stroh? Das sind die kleinen Mäuschen, die freuen sich so. Denn die Katze ist krank. Nun ringeln sie’s Schwänzchen und machen ein Tänzchen und heben das Köpfchen und singen: Joho! Darum raschelts auch so in dem Stroh. Eiapopeia, Eia Popo. |
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[ www.sabon.org – 06. Dezember 2006 ]